Die große Sause

360° Neuseeland

Napier mit seinem Gebäudeensemble im Stil des Art déco begeistert allzeit die Besucher. Ganz besonders nimmt die Stadt an der Ostküste Neuseelands einmal im Jahr für sich ein – wenn sie im Sommermonat Februar die Kulisse für ein glamouröses Spektakel bildet. Dann plündern die Einwohner den Kostümfundus und begeben sich samt Gästen auf eine Zeitreise in die Vergangenheit.

 

Am Zebrastreifen vor den Kolonnaden an der Marine Parade quietschen Reifen. Ein dunkelgrüner Buick kommt unvermittelt zum Stehen. Knapp vor seiner Kühlerhaube huscht eine Gruppe aufgeregt schnatternder junger Frauen über die Straße. Ein Winken, ein Lachen, und schon werden die schmalen Gestalten im Charleston-Look von der Menschenmenge verschluckt. Nur eine Federboa bleibt als rosa Farbtupfer auf dem Bordstein zurück. In diesen Tagen fühlt man sich in Napier wie auf einem Kindergeburtstag; eine erwartungsfrohe Stimmung liegt in der Luft. Da übersieht man schnell einen Verkehrsteilnehmer, und sei er noch so auf Hochglanz poliert wie diese Oldtimer-Fregatte in Grün.

 

Zum Glück geht es bei dem „Art Deco Weekend“, das im Februar 2013 sein 25-jähriges Jubiläum feierte, gemächlich zu. Bentleys, Cadillacs und Coupés bewegen sich im Schritttempo durch die Straßen. Oder parken als gefragtes Fotomotiv vor dem Masonic Hotel und an der Strandpromenade, deren Norfolk- Tannen ähnlich den Palmen von Los Angeles markante Landmarken darstellen, nur deutlich wohlbeleibter. Frauen, Männer und Kinder, gekleidet im Retrolook der Zwanziger und Dreißiger, bestimmen das Erscheinungsbild der Stadt. Sie spazieren durch die Straßen und lassen sich mit Selbstverpflegung auf Decken oder Stühlen beim „Gatsby Picnic“ in der Parkanlage nahe dem Ozean nieder. Während der abendlichen Party tanzen sie vor der Sound Shell, tagsüber sitzen sie in den Cafés, die sich der Thematik dieses Wochenendes auf Menükarten verschrieben haben. Napier feiert mit Grandezza, ohne an Bodenhaftung zu verlieren. Die nostalgische Inszenierung verständigt sich über ein ironisches Augenzwinkern. Aber die Frisur sitzt perfekt, und der Anzug ist meist frisch gebügelt. Wie wird das Art Deco Weekend von den Einheimischen angenommen. Gibt es Vorbehalte? „Es gibt immer Leute, die sich für solch ein Event nicht begeistern können“, sagt der in Napier lebende Maler Freeman White. „Sie stören sich an Straßensperren oder an den Klamotten. Aber für die meisten ist es ein großer Spaß.“

 

Einen Mangel an Spaßmomenten gibt es nicht: Hunderte Events listen die Veranstalter auf. Einige kosten Eintritt, moderat bis teuer, darunter der „Black Tie Ball“ und „Silver Slipper Ball“ mit Dinner und Big Band (jeweils um 60 Euro), das gesetzte „Gatsby Picnic im VIP-Zelt“ (ca. 40 Euro) und das mit ca. 35 Euro konträr zum frugalen Mahl nicht gerade günstige „Depression Dinner“. Darauf kann man aber locker verzichten. Es gibt genügend Veranstaltungen unter freiem Himmel: Die „Vintage Car Parade“, der samstägliche Laufsteg der Autoschönheiten mit über 250 Oldtimern, wird Stunden später vom Wettbewerb um das stilvollste Badekostüm hinsichtlich des Applauses fast übertroffen. Beim „Soap Box Derby“ am Sonntagmorgen, wo die Kleinsten aus Napier bei einem Seifenkistenrennen in fantasievollen Gefährten gegeneinander antreten, haben alle ihren Spaß, und die „Veronica Bell Parade“ unter musikalischer Begleitung der Militärkapelle setzt am späten Sonntagnachmittag einen weiteren Akzent.

 

Letzteres ist ein anrührendes Schauspiel an diesen unbeschwerten Tagen: Marinekadetten in weißem Hemd und kurzer blauer Hose stehen von Mittag an neben der Veronica-Glocke unter den Kolonnaden Wache und erinnern mit dieser Zeremonie an eine Katastrophe in der Geschichte Neuseelands: Am 3. Februar 1931 kam es in Napier und der umliegenden Region zu einem schweren Erdbeben, in dessen Folge rund 258 Menschen starben, 157 allein in dieser Stadt. Die Besatzung der HMS Veronica, die im nahen Hafen geankert hatte, war sofort vor Ort und unterstützte die Bevölkerung bei den Rettungsarbeiten. Die Nachbeben, Erdverschiebungen und Feuer zerstörten fast alle Gebäude und die Infrastruktur in Napier. In einem Kraftakt beschloss die Gemeinde, ihre Stadt möglichst schnell kostengünstig und widerstandsfähig aufzubauen, und zwar im Art-déco-Stil. Leben und Handel mussten weitergehen.

 

Wie es trotz Wirtschaftskrise gelang, einen Kontrapunkt im architektonisch gediegenen, britisch geprägten Neuseeland zu setzen, erfährt man beim „Art Deco Walk“. Der Art Deco Trust, 1985 gegründet, bietet diese unterhaltsamen Stadtspaziergänge das ganze Jahr über mehrmals täglich an. Der dekorative Stil in Architektur und Design, erfahren wir von unserer Stadtführerin Sue, sei Anfang 1900 aufgekommen und verkörperte den „neuen Geist des 20. Jahrhunderts“. Unter dem Namen Art déco etablierte er sich erst viel später. Der Begriff wird auf die 1925 in Paris eröffnete Weltausstellung der „arts décoratifs et industriels modernes“ zurückgeführt. In Napier, aber auch in den touristisch stiefmütterlicher behandelten Nachbarstädten Hastings und Ahuriri, wo das emblematische National-Tobacco-Gebäude an einer viel befahrenen Straßenkreuzung steht, lassen sich typische Elemente des Art déco mit Einsprengseln von Jugend- und Spanish-Mission-Stil ausmachen: Pastelltöne, Ornamente mit Blütenflor und geometrischem Dekor sowie motivische Anleihen damals populärer Hochkulturen aus Ägypten und Mexiko. Zickzackmuster, Sonnenstrahlen und Fontänen schmücken zum Beispiel das Daily-Telegraph–Gebäude. Das Criterion Hotel, eine Unterkunft für Backpacker, glänzt im Spanish Mission Style, während das Bankgebäude ASB als eines der wenigen Häuser innen und außen auf Schmuckmuster der Maori Bezug nimmt.

 

Heutzutage bestaunt man die Raffinesse der Fassaden und Schnörkel, die feinen Glasarbeiten in den Geschäftspassagen, die güldenen Vignetten auf den Straßen und die im Abendlicht grün, blau und orange schillernde Wasserfontäne in den Marine Parade Gardens. In den 50er- und 60er-Jahren jedoch, das erfährt man ebenfalls auf dem Spaziergang, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Im Januar 1933 hatte man die „Wiedergeburt“ der Stadt mit einem „New Napier Carnival“ begangen. Danach kam der Alltag und mit ihm nahm offenbar über die Jahrzehnte die Freude an dieser Spielart der Formgebung ab. Architekten aus dem Ausland, die in den Achtzigern das Art-déco-Kleinod im Südpazifik entdeckten und begeistert davon berichteten, sorgten für eine Renaissance. Häuser wurden restauriert, Straßenzüge und Plätze erweitert oder erneuert. Der Art Deco Trust und die Stadtverwaltung bauen heute auf die internationale Strahlkraft dieses singulären Ensembles („This is Napier, the Art Deco Capital of the World“).

 

Napier versteht sich aber keinesfalls als Freilichtmuseum: „Wir wollen Gebäude haben, die man nutzen kann“, sagt Sue. Trotzdem stehen zurzeit einige von ihnen leer. Nach dem Erdbeben in Christchurch 2011, bei dem 185 Menschen starben, erließ die neuseeländische Regierung ein Gesetz, das auch die Besitzer denkmalgeschützter Häuser verpflichtet, diese in den nächsten 20 Jahren nach neuen Standards „erdbebensicher“ zu machen. Aufgrund der hohen Umbaukosten und geringen Wertsteigerung der Immobilie erwägt jedoch mancher Eigentümer den Abriss. Mietverträge werden oft nicht verlängert, und Räume stehen leer.

 

Von Sorge um die Zukunft der „Art Deco Capital of the World“ war während des diesjährigen Art Deco Weekends kaum etwas zu spüren. Die große Sause endete am Sonntagabend mit einem „Cheerio to Deco“. Am Tag danach steckten auf dem Aussichtspunkt Bluff Hill in einer melancholischen Reminiszenz an durchfeierte Tage und Nächte die Reste einer rosa Federboa im Müllkorb.

Für das Magazin 360° Neuseeland, Ausgabe 1/2014