„Natur muss gefühlt werden“

Humboldt Forum Magazin

Umgeben von üppigem Grün: An der Nordseite des Humboldt Forums lädt eine Gartenterrasse zum Verweilen ein

 

Noch wirken die Goldbirken auf den Terrassen des Berliner Humboldt Forums fragil. Zart strecken sich ihre Äste gen Fenstersturz im Erdgeschoss. Aber in diesem Sommer werden sie sich vor der Sandsteinfassade ihren Platz im Stadtraum erkämpfen – als grüner Anziehungspunkt an der Nordseite und mit einem an die Pflanzengeografie Alexander von Humboldts angelehnten gärtnerischen Konzept. Verantwortlich für die Umsetzung der Anlage ist das Büro bbz landschaftsarchitekten. 2013 gewann es den Wettbewerb um die Freiflächengestaltung; im selben Jahr begann die Planungsphase, 2018 starteten die Baumaßnahmen. Zeitgleich mit der digitalen Eröffnung des Humboldt Forums im Dezember vergangenen Jahres waren zwei Drittel der Gestaltung des Umfeldes abgeschlossen. Der nordwestliche Bereich soll bis 2023 fertiggestellt sein.

 

Auf den 38.000 Quadratmeter großen Freiflächen realisieren die Landschaftsarchitekt*innen drei Pflanzentableaus als wiederkehrende Grundformen, die sich von Humboldts interdisziplinärem Naturverständnis und seinen Reisen nach Nord- und Südamerika sowie Eurasien inspirieren lassen. „Der Lustgarten vor dem Alten Museum ist eher eine Parkanlage. Wir wollten bei den Humboldt-Terrassen intensive gärtnerische Flächen umsetzen, die einen neuen Aspekt in den Raum bringen“, sagt Timo Herrmann, Geschäftsführer der bbz landschaftsarchitekten. „Wir sind im Moment in der Abstimmung, die westlichen Terrassen vorzuziehen, damit sie einen ähnlichen Entwicklungsstand haben. Sonst entsteht eine Diskrepanz der Bilder. Wenn wir zu lange warten, sind die östlichen Terrassen schon sehr eingewachsen und fertig; es sind ja dieselben Tableaus, die dort auftauchen.“

 

Die historischen Terrassen vor dem Berliner Schloss, Mitte des 19. Jahrhunderts von König Friedrich Wilhelm IV. in Auftrag gegeben, spielen in der Neuinterpretation eine marginale Rolle. Sie waren ein Kunstgriff, um das topografisch schwierige Gelände auszugleichen. Das Schloss stand auf dem höheren Niveau im Bereich des Doms. Das Gelände fällt in Richtung des Boulevards Unter den Linden nach Westen ab. Diese Höhendiskrepanz galt es abzufangen. Die von Heinrich Strack und Peter Joseph Lenné 1847 geplanten Terrassen waren der nördliche Gartenbereich des Schlosses hin zum Lustgarten. „Wir haben die Lage, Geometrie und Höhenentwicklung denkmalpflegerisch präzise aufgenommen: Die Mauern stehen heute auf den Mauern der historischen Terrassen“, so Herrmann. „Wir machen das, was im gesamten Umfeld gemacht wird: Wir greifen historische Raumkonfigurationen auf, interpretieren sie aber zeitgenössisch.“

 

Zukünftig sollen alle Spaziergänger*innen, die etwa durch die öffentliche Passage des Humboldt Forums von der Breiten Straße in Richtung Schlossplatz flanieren, rechts und links von Portal 4 von „üppigem Grün“ empfangen werden. „Die Terrassen stehen mit ihren Bänken und Sitznischen zur intensiven Nutzung zur Verfügung“, sagt die Landschaftsarchitektin Anja Dreybrodt, die die Pflanzplanung bei bbz landschaftsarchitekten mitverantwortete. Für sie sind die Terrassen kein Schmuckelement aus der Kaiserzeit, sondern ein Objekt, das bespielt werden soll.

 

Humboldt Forum und -Terrassen teilen einen Bezugspunkt: die Brüder Humboldt. Im Fall der Terrassen gilt als Richtschnur das Wirken von Alexander. Dem jüngeren Bruder des Sprachforschers Wilhelm von Humboldt verdanken wir ein Bewusstsein für die weltweite Verbreitung von Flora und Fauna, für die Verbindung von Vegetation und Umweltbedingungen, aber auch für die Anmutung einzelner Pflanzen in ihrem Habitat, dem „Wohnort der Gewächse“, wie der Naturforscher Humboldt es in einem Brief beschrieb. Von der gemeinsamen Amerikareise 1799–1804 mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland brachte er Tausende Herbarbelege mit, getrocknete und gepresste Pflanzenteile, die im Muséum national d’Histoire naturelle in Paris und im Botanischen Museum Berlin-Dahlem aufbewahrt werden. Zudem skizzierte Humboldt in seinen Reisetagebüchern die Gewächse, die er systematisch gesammelt und erfasst hatte. 1807 verfasste er seine berühmte Schrift „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer“.

 

Durch die charakteristischen Pflanzenarten auf den Humboldt-Terrassen wollen die Landschaftsarchitekten das Humboldt’sche Konzept der Pflanzengeografie subtil vermitteln. „Wir wollten keinen Bildungsgarten anlegen, sondern die Sinne der Besucher*innen ansprechen und sie anregen, über das Gesehene und Erlebte nachzudenken“, sagt Herrmann. Denn das habe der Universalgelehrte Alexander von Humboldt, der offen, neugierig und innovativ war, zeit seines Lebens getan: dem Laien komplexe Sachverhalte vermittelt.

 

Sein „Naturgemälde“ vom Chimborazo in Ecuador im Höhenprofil stellt die biologische Artenvielfalt in der Vulkanlandschaft dar, berücksichtigt von ihm oder anderen Wissenschaftler*innen erhobene und ausgewertete Klimadaten, Gesteinsstruktur sowie die sozialen und materiellen Lebensbedingungen der Menschen. „Humboldt ist unter anderem Mitbegründer der Pflanzengeografie, der Verbreitung und Ausbreitung von Pflanzen. Die Klimazonen, die Isotherme gehen auf ihn zurück“, sagt Anja Dreybrodt. „Die sehen wir bis heute auf jeder Wetterkarte.“ Bei der Planung zu den Terrassen stellte die Landschaftsarchitektin fest: „Humboldt hat vor 250 Jahren auch einen wesentlichen Stein für meine Profession gelegt.“

 

Doch nicht alles, was Alexander von Humboldt auf seinen Reisen durch Amerika, Europa und Russland wahrgenommen hatte, lässt sich im Berliner Klima realisieren. Den tropischen Regenwald etwa konnte man nicht nachbauen. Die Landschaftsarchitekt*innen entschieden sich für drei „geozonale Großräume“, drei Vegetationsthemen: die boreale Zone, die winterfeuchten Subtropen und die feuchten Mittelbreiten.

 

Die eingangs erwähnten Goldbirken sind Teil des Vegetationsbildes der borealen Zone (Eurasien). „Hier findet sich ein Gehölzteppich aus Beerengewächsen wie Krähenbeeren, Bärentraube und Preiselbeeren“, sagt Anja Dreybrodt. „Wir gehen bei der Auswahl der Pflanzen zu Humboldt zurück.“ Aber es sei nicht immer möglich gewesen, Originalpflanzen zu wählen. „Wir haben die Landschaftsbilder mit Pflanzenarten aufgefüllt, die hier gut wachsen, und sie künstlerisch interpretiert. Sie mussten entsprechend der Empfindung von Humboldt dazu passen.“

Die winterfeuchten Subtropen werden beispielsweise weitläufiger gedacht; sie orientieren sich an der Ufervegetation Patagoniens. Dort war Humboldt zwar nicht unterwegs, bereiste aber Südamerika. „Die Gunnera, das Mammutblatt, wächst auch in Ecuador und vermittelt mit ihren riesigen Blättern in Kombination mit der Scharlach-Fuchsie ein malerisches Bild“, so Anja Dreybrodt. Beides sind empfindliche Gewächse, die in den Wintermonaten in den Beeten am Schlossplatz durch dekorative Weidenhüte geschützt wurden. Ebenso interessant ist das dritte Tableau mit einer heimischen Bepflanzung aus den Appalachen, einem Gebirgszug im Osten Nordamerikas. In dieser Vegetationszone der feuchten Mittelbreiten wachsen zum Beispiel die Schirm-Magnolie und der hier in Berlin jährlich auf Stock geschnittene Trompetenbaum. Der Kontrast zwischen Blattstruktur und feiner Blütentextur sticht bei den Hauptstauden Dreiblattspiere, Wald-Phlox und Kerzen-Knöterich ins Auge. Ebenso im Frühjahr die monochrome Farbgebung in Weiß von Krokus, Waldlilie und Anemone.

 

Die Landschaftsarchitekt*innen rhythmisieren diese Bilder in Anlehnung an die historische Terrassenstruktur von Peter Joseph Lenné. Diese war typisch für den repräsentativen Anspruch ornamentaler Schlossanlagen. Jedes der drei Motive wiederholt und wechselt sich auf 15 Vegetationstableaus der Humboldt-Terrassen ab. Die Beete werden durch das Mauerwerk abgeschirmt und mittels Heckenparavents räumlich voneinander getrennt. Letztere dienen zudem als Windschutz. Besucher*innen haben die Wahl: Sie können sich bei einem Rundgang detailliert einzelne Gewächse anschauen, bekommen aber immer auch einen Gesamteindruck von der Ausprägung der jeweiligen Landschaft. „Humboldt schrieb einmal an Goethe: ,Natur muss gefühlt werden.‘ Das wollen wir mit unserer Bepflanzung der Humboldt-Terrassen erreichen“, sagt Anja Dreybrodt.

Für Humboldt Forum Magazin, Nr. 1 – Juli 2021