Der Eindringling im Kopf

Filmdienst

Aktuell wird heftig über den Umgang mit psychischen Krankheiten diskutiert. Wie reagiert unsere Gesellschaft auf solche Erkrankungen, und in was für eine Situation bringt das wiederum die Kranken? Das Kino findet sich, wo es das Thema aufgreift, immer wieder herausgefordert: Bestärken seine Darstellungen Vorurteile und Klischees? Oder helfen sie, Kranke besser zu verstehen? Regen sie zur Auseinandersetzung und Offenheit an?

 

Im Mai widmen sich mit dem Spielfilm „Hedi Schneider steckt fest“ von Sonja Heiss und dem Dokumentarfilm „Nicht alles schlucken – ein Film über Krisen und Psychopharmaka“ von Jana Kalms und Piet Stolz gleich zwei neue Produktionen einem Spektrum psychischer Störungen. Anlass zu Überlegungen zu psychischen „Krankengeschichten“ des Kinos.

 

Back to normal

Wer eine psychische Störung hat, geht selten damit hausieren. Ebenso wenig tragen Angehörige psychisch Kranker dieses Leiden an die Öffentlichkeit. In „Eine ganz normale Familie“ (1979), dem Regiedebüt von Robert Redford, registriert eine Frau, wie ihr Ehemann vom Smalltalk abdriftet. Der gemeinsame Sohn war nach einem Selbstmordversuch zur Behandlung in einer Klinik und wurde kürzlich nach Hause entlassen. Jetzt sehe der Junge jemanden, sagt der Mann beiläufig auf einer Party zu einer Bekannten. An dieser Stelle unterbricht seine Frau das Gespräch und drängt zum Aufbruch. Auf der Rückfahrt im Auto macht sie ihrem Mann Vorwürfe, von dem Besuch des Sohnes beim Psychiater erzählt zu haben. „Ich empfinde das als etwas sehr Privates, und es ist geschmacklos, es so hinauszuposaunen.“

 

In dem Spielfilm „Hedi Schneider steckt fest“ mag der Ehemann der Hauptfigur Ähnliches empfinden. In einem Jobgespräch – Uli will seinen lang geplanten Einsatz in Afrika wegen der Angststörung seiner Frau verschieben – wird er nach ihrer Erkrankung gefragt. Nach ratlosem Zögern antwortet er: „Meine Frau hat Krebs.“ Wie schwer es ist, sowohl als Betroffener wie auch als Angehöriger die Diagnose einer psychischen Krankheit zu verstehen und anderen zu vermitteln, zeigten eindringlich auch schon Rainer Werner Fassbinders „Angst vor der Angst“ (1975) oder John Cassavetes’ „Eine Frau unter Einfluss“ (1974). Darin nehmen die Ehemänner die Allüren ihrer Frauen zwar als „sonderbar“ wahr, tolerieren diese aber einige Zeit, sei es aus Gleichgültigkeit oder Bequemlichkeit. Das soziale Umfeld – Kollegen und Verwandte, die sich offensiv als „normal“ definieren – setzt die Männer unter Druck, das nichtangepasste weibliche Verhalten zu sanktionieren: mit Valium und einer Einweisung in die Nervenklinik.

 

Ein bisschen anders als die anderen

Gleichermaßen im Widerstreit von Konformismus und Exklusion bewegt sich die junge Frau im Spielfilm „Durchgeknallt“ (1999). Ihre Geschichte lehnt sich an die Biografie Susanna Kaysens an, bei der nach einem Selbstmordversuch die Persönlichkeitsstörung Borderline diagnostiziert worden. In der Adaption fürs Kino verkörpert Winona Ryder die Querulantin im bürgerlichen Milieu der 1960er-Jahre, in das sie nicht passt, und mit einer Familie, die sich ihrer schämt. „Was sollen wir den Leuten sagen?“, fragt die Mutter. Den Schutzraum der Institution Psychiatrie, der nach einigen genretypischen Schreckensbildern zur Komfortzone einer Mädchenclique wird, kann Susanna nach längerer analytischer Therapie verlassen, um „in der Welt dabei zu sein“. Im deutschen Spielfilm „Allein“ (2004) von Thomas Durchschlag balanciert Maria ebenfalls auf schmalem Grat. Kongenial gespielt von Lavinia Wilson, deuten ihre Stimmungswechsel auf eine launenhafte Frau hin, die exzessiv feiert und Affären hat. Nach und nach wird deutlich, dass Maria ihre Impulsivität nicht unter Kontrolle hat und sich regelmäßig selbst verletzt. Ein neuer Freund bringt Geborgenheit, aber sie vertraut sich ihm nicht an. Die Schurenbachhalde, auf der die stählerne „Bramme für das Ruhrgebiet“ von Richard Serra wie ein rostbrauner Schokoriegel in die Höhe ragt, bildet das Setting für diese traurige Romanze. Die Mondlandschaft der Halde liest sich wie eine Reminiszenz an Michelangelo Antonionis Film „Die rote Wüste“, in dem eine Frau mit ihrem Sohn an der Hand orientierungslos über ein Industriegelände mit Kraftwerken läuft, aus denen Feuer in den Himmel speien. Giuliana hat ebenso wie Maria die Bodenhaftung verloren und wacht des Nachts voller Angst auf.

 

Publikumserfolge

Für Drehbuchautoren sind Abweichungen von normativen Verhaltensmustern ein gefundenes Fressen; sie müssen ja selten mit den Konsequenzen leben. Was wäre, um ein „rolemodel“ jüngerer Zeit zu nennen, die amerikanische Fernsehserie „Homeland“ ohne die FBI-Agentin mit bipolarer Störung? Thriller wie „Copykill“ (1995) mit Sigourney Weaver als traumatisierte Psychologin und der um einiges schlichter inszenierte „Columbus Circle“ (2012) mit Selma Blair als armes reiches Mädchen, auf dessen Geld es ein durchtriebenes Trio abgesehen hat, basieren auf einem nervenaufreibenden Plot: Die Protagonistinnen leiden an einer Angststörung mit Agoraphobie und können ihre Wohnungen nicht verlassen. Die Bedrohung wird frei Haus geliefert, und die Frauen müssen sich einer Gewaltkur unterziehen, um ihr Leben zu retten und die Angst zu überwinden – Spontanheilung inklusive. Beim Stichwort „Kino und Psychiatrie“ assoziiert fast jeder Jack Nicholsons Rolle in „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1975). Auf diesen Klassiker bezieht sich Hedi Schneider im Erstgespräch mit ihrem Therapeuten: Sie wolle nicht so enden wie Nicholsons Figur, mit dem Kissen auf dem Gesicht. Der Psychologe Markus Fellner stellt 2006 in einer Studie zu „Psycho Movies – Zur Konstruktion psychischer Störung im Spielfilm“ fest: „Psycho Movies sagen in der Regel wenig über die Realität von psychisch leidenden Menschen und, bis auf Ausnahmen, wenig über die Realität der Psychiatrie bzw. des klinischen Systems aus, aber sie repräsentieren in sehr starkem Maße und sehr eindringlicher Weise gesellschaftliche, kulturelle Regulationsmechanismen von Normalität und Abweichung.“ Hinsichtlich der „gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ seien sie „hot stuff“.

 

Die Monster unterm Bett

Regisseurin Sonja Heiss, die für ihre Film „Hedi Schneider steckt fest“ auch das Drehbuch schrieb und selbst unter einer Angst- und Panikstörung litt, wattiert ihre Hauptfigur bewusst mit herzgewinnender Fröhlichkeit. Denn salopp gesprochen: Nicht nur die Trübsinnigen bekommen es im Leben mal mit der Angst zu tun. Hedi, Uli und ihr kleiner Sohn Finn bewohnen ein urbanes Bullerbü. Die drei lieben sich, spielen viel miteinander und machen Faxen. Im Büroalltag lässt Hedi die ätzende Kritik ihres Kollegen seelenruhig an sich abperlen. Selbst als sie mit dem Aufzug steckenbleibt, verwandelt sie diesen unbehaglichen Moment in eine ulkige Episode und bestellt Burger mit Pommes beim Notdienst. Ein paar Tage später wird es Hedi jedoch „komisch“ im Büro; kurz darauf folgt zu Hause die erste Panikattacke mit Unwohlsein und körperlichen Symptomen: Herzrasen, Atemnot und Todesangst – der Notarzt kommt. „Es hat sich wirklich so angefühlt, als würde ich sterben“, sagt Hedi später entschuldigend. Ihre Mutter will kein Drama und weiß Rat: „Wenn’s mir schlecht geht, gehe ich einfach mal kurz duschen.“ Finn begreift, dass seine Mama Angst vor den Monstern unterm Bett hat. Eines Nachts saugt er sie weg. Uli begleitet Hedi zum Arzt. Er bestärkt sie im Widerstand gegen ihre Angst durch „Stopp!“-Schreien, was ein wenig aus dem Ruder läuft, und achtet darauf, dass sie ihr „Beruhigungsmittel für den Notfall“ nicht zu häufig nimmt. Aber auch er verliert die Geduld, als der „Eindringling im Kopf“ seiner Frau nicht verschwindet und Hedi zu viele Pillen schluckt, um „mal wieder eine normale Mutter“ zu sein. Eine stringent humorvolle Sicht auf eine zwangsgestörte Protagonistin zeigt der französische Spielfilm „Sag, dass du mich liebst“, in dem eine populäre Radiomoderatorin ihre soziale Phobie hinter einer geheimnisvollen Aura verbirgt. Zu keinem Zeitpunkt verrät der Film seine widersprüchliche Heldin, deren Ticks beiläufig in die Handlung gestreut werden.

 

Dark is like the new black

Im Sommer 2014 fragte die britische Tageszeitung „The Guardian“ im Rahmen einer Berichterstattung über das erste Anxiety Arts Festival in London, das von der Mental Health Foundation veranstaltet wurde, „Can film scripts help people understand anxiety?“ Nach Meinung des Kurators des Festivals, Jonathan Keane, können Filme nicht nur Ängste schüren, sondern mit deren Inszenierung verständlich machen, wie sie funktionieren. Dies kann schauspielerisch subtil und mit visuellen Mitteln geschehen wie in dem argentinischen Spielfilm „Die Frau ohne Kopf“, der unter anderem im Programm zu sehen war. Oder didaktisch wie in dem Fernsehfilm „Nennt mich verrückt“, der 2013 zur Primetime im amerikanischen Fernsehen lief. Letzterer verhandelt in fünf Episoden vier psychische Störungen: Schizophrenie, bipolare (manisch-depressive) Erkrankung, Depression und Posttraumatische Belastungsstörung. Die Sequenzen vermitteln ergreifende Krankengeschichten wie aus einem Handbuch „Psychiatrie für Dummies“. Dennoch räumen sie nebenbei mit dem einen oder anderen Gemeinplatz auf: Duschen hilft nicht gegen Depressionen, und niemand sucht es sich freiwillig aus, psychisch krank zu werden.

 

Mein schönes Leben, wo ist es hin?

Den notwendigen differenzierten Austausch über Krisen fördern die Trialogforen in Deutschland, die Menschen mit Psychose, Angehörige und Fachpersonal aus Psychiatrien zusammenbringen. Einen spannenden Einblick in die Gesprächskreise als „Lernorte“ vermitteln zwei Dokumentarfilme: „Raum 4070“ über das Leben mit Psychosen und aktuell „Nicht alles schlucken – ein Film über Krisen und Psychopharmaka“. In „Raum 4070“ steht der Alltag mit der Krankheit im Zentrum; jetzt widmen sich die Regisseure Jana Kalms und Piet Stolz dem Reizthema Medikation. Das Interieur im Raum ist noch minimalistischer. Nichts lenkt von den einzelnen Personen ab, die auf den Stuhlreihen vor grauem Hintergrund Platz nehmen und ihre Erfahrungen schildern. Medikamente heilen nicht, sie unterdrücken, sagen die Betroffenen. Ärzte und Pfleger zeigen sich von der eigenen Arbeit nicht überzeugt, sprechen von Hilflosigkeit und ihrer „Täterrolle“. Der Film ist sich seiner Mission sicher; der Schwerpunkt auf der Kritik an Medikamenten sowie der Institution Psychiatrie erschöpft sich schnell. Trotzdem wünscht man sich, dass diese Filmreihe fortgesetzt wird: um Erfahrungen in die Öffentlichkeit zu tragen und die Diskussion über den Status quo in der psychiatrischen Behandlung im Besonderen und den Umgang mit psychischen Störungen im Allgemeinen voranzutreiben.

Für die Zeitschrift „Film-Dienst“ 08/2015, www.filmdienst.de